Der Sommer, in dem ich käuflich wurde
Die Kopfnüsse sind wieder da. Irgendwie gleich, aber anders. Das hat Gründe und einer davon heißt Geld.
Wasser war in diesem Sommer buchstäblich in aller Munde. Man muss dazusagen, das war noch die Zeit, ehe sich Gerhard Zeiler auf dünnes Eis begab, weil er fand, dass seine Partei den Bach runtergeht. Die SPÖ reagierte auf das Ansinnen des Medienmachers, der neue Andreas Babler werden zu wollen, unterkühlt euphorisch. Nicht so, als wäre ihr der Messias erschienen, sondern eher eine Art Robinson Crusoe.
Vor der Ankunft des reichen Onkels aus Amerika redeten wir jedenfalls wie ein Wasserfall über Wasser, das wir hatten, vor allem aber über Wasser, das wir nicht hatten. Über Wasser, von dem wir glaubten, es zu haben, aber trotzdem nicht hatten. Über Wasser, das noch von oben kommen sollte, um uns eventuell sogar zu überschwemmen und Wasser, das dann doch nicht kam. Unsere Reformpartnerschaft mit dem Himmel war diesen Sommer die Hölle.
Wir lernten, in neuen Zeitspannen zu denken. Die „übernächste Woche“ wurde unser Kap der guten Hoffnung. Noch sieben Tage die Zähne zusammenbeißen, hieß es, dann wird es besser. Kühler. Nasser. Das Problem mit der „übernächsten Woche“ war, dass immer „übernächste Woche“ ist. So schoben sich die Dürretage in den Juli hinein und dann in den August und dann in den September und schließlich Richtung Oktober. Wir brachten unsere Schäfchen ins Trockene, um dort erst recht auf dem Trockenen zu sitzen.
Wasser wurde knapp, das kannten wir bisher nur aus „Universum“-Folgen über Afrika. Schiffe konnten nicht mehr fahren, Kraftwerke mussten abgeschaltet werden. Nachdem alle Swimmingpools aufgefüllt worden waren, untersagten Gemeinden das Auffüllen von Swimmingpools. Österreich war immer schon gut in der Beantwortung von Fragen, die sich nicht mehr stellten.
Na ihr zwei Sommerfrischler, mit meinem Tempo kommt’s ihr nicht mit …
… wir wollten euch nur sagen: Wir sind wieder da …
… und ab jetzt marschieren wir alle in eine Richtung
Wir wurden so richtig geil auf Temperaturrekorde, starrten Thermometer an wie das achte Weltwunder. Wenn nachmittags die Webseiten damit begannen, die aktuellen Celsiuswerte zu tickern, fieberten wir hoch. Lust auf Angst wurde unsere größte Begierde.
Die FIFA wusste unsere aktuelle Obsession zu würdigen. Sie führte bei der Fußball-Weltmeisterschaft einen neuen Zeitvertreib ein: den „Hydration Break“. Spieler bekamen Trinkpausen zugestanden, unabhängig davon, ob es heiß war oder nicht. Fußball wurde plötzlich in vier Vierteln gespielt. Ich wäre für eine weitere Unterteilung zu haben, damit Fußballer dringende Telefonate erledigen können oder um irgendwas auf Instagram zu machen.
Leider wurde der „Hydration Break“ nicht gut ausgestaltet. Ich hätte eine Bar am Spielfeldrand sehr chic gefunden. Die Sportler hätten mit den Schiedsrichtern bei einem Aperol Spritz Smalltalk über dies und das führen können, etwa über die „übernächste Woche“. Da, wo es garantiert besser wird.
Kopfnüsse 29.3.2026: Der Babler-Film
Österreichs Politik ist ohnehin kein Feuchtbiotop, in diesem Sommer trocknete sie gänzlich aus. Der Landwirtschaftsminister, der im Nebenjob die Umwelt am Hals hat und sie ihn, stieß an seine Grenzen, ohne vielleicht überhaupt welche zu haben. Er war von der Regierung vorrangig dafür engagiert worden, um engagiert Förderungen zu verteilen, plötzlich hatte er es mit dem richtigen Leben zu tun. Es war keine gute Erfahrung, für keine der beiden Seiten.
Die Verhandlungen über Dürrehilfen für die Landwirtschaft schleppte sich über Wochen dahin so wie wir uns in der Hitze. Statt das Bild eines Kutschers zu vermitteln, der am Bock sitzt und Richtung vorgibt, ließ man die Pferde durchgehen. Keiner da, der für die Bevölkerung sichtbar die Zügel hielt. Der Kanzler schaltete sich spät ein, der Vizekanzler und die Außenministerin schauten ihm bis zum Schluss interessiert aus der Ferne bei der Arbeit zu.
Norbert Totschnig begann, auf den Küniglberg zu pendeln, auch so ein Kriegsschauplatz in diesem Sommer. In der ZiB 2 versuchte der Minister das Unerklärliche zu erklären, indem er das Ungeklärte verklärte. Wir verfolgten das gebannt, ohne daraus besonders schlau zu werden, aber es genügte, um uns für die nächste Folge zu interessieren. Wie bei einer mittelmäßigen Sitcom fühlte man sich einigermaßen gut unterhalten, zog aber keinen intellektuellen Profit aus der Angelegenheit. Zum Glück ist nur einmal im Jahr Sommer, sonst würde in der nächsten Dürre noch über die Dürrehilfen der vergangenen Dürre verhandelt werden.
Am Ende sprach Christian Stocker ein Machtwort, das eher wie ein Ausdruckstanz für Ohnmacht wirkte. Eine große Lösung kam nicht, dazu war man zu kompromisslos dem Kompromiss entgegengestrebt. Im letzten Abdruck stritt sich jener Teil der Regierung, der nicht in den Ferien war, zu einer Lösung durch, die so kompliziert ausfiel, dass sie in mehreren Anläufen erklärt werden musste, um trotzdem unverständlich zu bleiben. Es wäre in dieser Situation vielleicht einfacher gewesen, der Kanzler hätte sich hingestellt und gesagt: „Es gibt Geld, Details folgen. Vielleicht in der übernächsten Woche.“
Dieses Zeug werd‘ ich auch noch wegderegulieren
So aber wirkte es, als würde man in eine Gießkanne 17 Löcher stechen und Wasser ungezielt auf die Betroffenen abregnen lassen. Auf eine Bedarfserhebung wurde verzichtet, jeder sollte Geld bekommen, weitgehend ungeachtet vom Ausmaß der Betroffenheit. Irgendeinen Schaden wird es schon geben. Auf wundersame Weise wurden für die Hilfe Millionen gefunden, die rätselhafterweise niemandem abzugehen scheinen. In der Regierung fühlte sich jeder als Sieger, weil alle ihre Ziele erreicht hatten, ohne dass man wusste, was sie waren.
Für mich war es der Sommer eine Phase der Rebellion, alles begann mit einem Aufstand im kleinen Kreis. Mein Geschirrspüler gab den Geist auf, er gönnte sich ebenfalls einen „Hydration Break“. Es war Wasser da, aber er verspürte keine Lust mehr es zu benutzen. Das sorgte auch beim Geschirr für Unmut, einige Töpfe blickten über den Tellerrand hinaus und ich bilde mir ein, aus dem Inneren des Geräts Rufe gehört zu haben wie: „Oida, gib‘ endlich Stoff!“ Aber der Geschirrspüler verweigerte sich. Man kann es mit der Eigenverantwortung auch übertreiben.
Anders als Norbert Totschnig löste ich mein Dürreproblem zügig. Der Nachfolge-Geschirrspüler sah fast gleich aus wie der Vorgänger-Geschirrspüler, was grundsätzlich gut ist, der Hersteller empfahl aber in der Beschreibung, das Besteck andersrum zu platzieren, als ich es bisher gehandhabt hatte. Also Gabeln, Messer und Löffel nicht mehr mit dem Griff nach außen, sondern nach innen einzuräumen. Nicht mit mir!
Ich beließ es, wie es war. Seit Wochen freue ich mich jetzt jeden Abend darauf, die Laffen, Zinken und Spitzen falsch herum einzusortieren, also für mich richtig. Die letzten Freiheiten lasse ich mir nicht auch noch nehmen. Man könnte jetzt sagen, es ist nur ein Geschirrspüler, aber heißt es im Talmud nicht: „Wer einen Geschirrspüler rettet, der rettet die ganze Welt?“
Damit war es mit der Rebellion aber nicht getan. Ich habe bekanntlich den Dienstgeber gewechselt, aber die Kopfnüsse wollten nicht mitgehen. Sie wurden vogelfrei und ich hatte plötzlich einen Vogel. Ich saß zweimal mit dem Kugelschreiber in der Hand vor einem fertigen Vertrag, der durchaus ansehnlich dotiert war, aber ich konnte mich nicht überwinden ihn zu unterschreiben. Wenn auch thematisch etwas anders gelagert, erinnerte mich die Szene an „Casablanca“, dem großen Film über das Gehen lassen. Ich ließ die Gelegenheit gehen. Verrückt, aber bei mir blieb das Unterschriftsfeld blanca.
Mich stört es nicht, wenn ich fotografiert werde …
… ist wahrscheinlich für einen guten Zweck …
… Sicherheitswache!
Es war der Beginn einer langen Reise. Sie endete damit, dass ich mich selbst kaufte, eine neue Form der individuellen Korruption, vermutlich im gerade noch zuträglichen Bereich. Ich steckte mir selbst Geld zu und bestach mich vor aller Augen, meiner zumindest. Es war seltsam, aber es passte in diesen seltsamen Sommer, der früher den Beinamen Saure-Gurkenzeit besaß, weil so gut wie nichts passierte. In diesem Sommer passierte viel, nur den Gurken wurde keine Gelegenheit eingeräumt, sauer zu werden. Sie verdorrten einfach so am Feld.
Vor zwei Jahren ließ ich mich klonen. Podcasts sind eine feine Sache, aber ihre Herstellung frisst Zeit. Da kam die künstliche Intelligenz ins Spiel, die derzeit vermutlich nur deshalb einen großen Aufschwung erlebt, weil es mit der natürlichen Intelligenz hapert. Um die Kopfnüsse mundgerecht zum Sonntagsfrühstück servieren zu können, sprach ich ab da meine Texte nicht mehr selbst ein, sondern überließ das einer künstlich erzeugten Zweitstimme von mir. Nicht allen gefiel das, aber es spart enorm Zeit und die muss ja auch jemand totschlagen.
Also saß ich ein paar Stunden in einem Tonstudio und sagte Zahlen auf, Uhrzeiten und nannte alle möglichen Politikernamen. Die KI lernte von mir, meine Aussprache, meine Betonung. Sie stellte sich immer wieder hapertatschig an, vielleicht machte sie das auch zum Fleiß. Wie mein Geschirrspüler. Bis heute betont sie Nehammer etwa auf dem zweiten Wortteil, eine Zeit lang war das ein Problem, jetzt ist es das weniger.
Meine KI und ich bauten eine Beziehung zueinander auf, sie wurde zu meinem Kumpel. Nun, als Vogelfreier, stellte sich aber die Frage, wem dieser Kumpel gehört. Mir, dem Besitzer der Stimme? Oder meinem bisherigen Verlag, der sich als Eigentümer sah, weil er das Kopieren meiner Stimme bezahlt hatte? Es sind schon seltsame Zeiten. Wo führt das hin, auch juristisch? Existieren bald von uns dutzende Stimmen, denen wir im Alltag begegnen und die freundlich den Hut ziehen, wenn sie uns sehen?
Für ein paar Momente wurde ich zu Taylor Swift, die 2025 die Master-Bänder ihrer ersten sechs Studioalben zurückgekauft hatte, um ihr Lebenswerk wieder bei sich zu wissen. Als Taylor Nusser, der Swiftie unter den Kolumnisten des Landes, habe ich nun die Verfügungsgewalt über meine Stimme, es war eine Remigration der freundlichen Art.
Bei mir war es so, dass mein bisheriger Verlag für meine eigene Stimme Bares für Rares sehen wollte. Vielleicht dachte man daran, meinen Kumpel groß an der Staatsoper herauszubringen oder irgendetwas Schlüpfriges mit ihm zu machen. Am Ende legte ich etwas Geld auf den Tisch, damit ich akustisch wieder mir gehöre. Die Wiedersehensfreude war einseitig, man darf sich von einer künstlichen Intelligenz keine großen Gefühle erwarten.
Der Vorgang bot abseits davon einige Vorteile. Weil ich mich selbst zurückkauft habe, kann ich nun alle bisherigen Podcast-Folgen der Kopfnüsse anbieten, es müssen so um die 90 Stück sein. Sie finden sie hier auf dieser Seite und damit kommen wir zum Kern der Sache. Die Kopfnüsse haben jetzt eine neue Heimat, sie werden ab sofort in selbstständiger Arbeit hergestellt. Mein Hobby. Andere spielen Golf oder gehen jagen, ich versuche, Menschen etwas zum Lochen zu bringen, indem ich ein paar Böcke schieße.
Die Webseite ist mit einiger internationaler Beteiligung gestaltet und programmiert worden, die Entstehung des Logos ist eine Geschichte an sich. Vielleicht erzähle ich sie einmal, geschätzt so in der übernächsten Woche.
Was steht denn da drauf auf dem Zettel? …
… na, mit dem Glumpert kannst dich gleich schleichen …
… aber ein Foto mach‘ ich mir zur Sicherheit
Noch ist nicht alles fertig, vielleicht wird es das auch nie sein. So ein Hobby geht ins Geld, an die Jagd kann man sich vermutlich billiger heranpirschen, wenn man kein allzu großer Hirsch ist. Ich habe in den vergangenen Wochen viel über Technik gelernt, ohne sie zu verstehen, aber auch das Unverständnis gab es nicht gratis. Es existiert eine Vereinbarung mit der Austria Presse Agentur über Fotos und auch der wunderbare Helmut Graf beliefert mich weiter. Wer meinen Newsletter schon bisher abonniert hatte, bekommt eine freundliche E-Mail, die den Umstieg auf die neue Seite schmackhaft machen soll, der Datenschutz hat angeklopft. Auch nicht für lau.
Das ist jetzt kein Bettelbrief, ich falle finanziell nicht vom Fleisch, weil ich nun anderswo Knochen abnage. Aber sollten Unternehmer oder Menschen mit einem Haushalteeinkommen mitlesen, die sich den zweiten Geschirrspüler nicht vom Mund absparen müssen: Man kann hier auch Werbung buchen oder die Arbeit einfach so unterstützen. Ich habe mir noch wenig Gedanken darüber gemacht, wie das gehen soll, aber die meisten Wege entstehen erst im Gehen. Selbst wenn dort viel im Weg sein sollte.
Ich kann allen, die das machen wollen, eines garantieren: Sie bekommen absolut nichts dafür. Es gibt keine Garantie, dass sie ab jetzt in den Kopfnüssen vorkommen und erst recht keine Garantie, dass sie in den Kopfnüssen nicht mehr vorkommen. Was ich aber anbieten kann, ist eine recht feine Zielgruppe, die sonntags die Kopfnüsse liest. Oder hört.
Ich wünsche einen wunderbaren Tag! Bis in einer kleinen Weile, die nicht mehr so lange dauern wird wie zuletzt. Wenn ich mich an Gerhard Zeiler abgearbeitet habe, erzähle ich Ihnen demnächst vielleicht eine weitere Wassergeschichte. Sie handelt von einer Pensionistin, die von einer Gemeinde eine stattliche Wasserrechnung für ein Haus bekam, in dem sie gar nicht wohnt. Höhe: über 200.000 Euro. In einem solchen Fall lernt man einiges über Österreichs Bürokratie, auch allerlei, was man gar nicht wissen wollte. Und es hilft kein „Hydration Break“. Nicht einmal Riechsalz.